
Vom Labor auf den Markt
Formal sind unsere beiden Hände identisch: je ein Daumen und vier Finger. Aber in der Anordnung dieser fünf Elemente unterscheiden sich rechte und linke Hand. Schon im Kindergarten lernt man: Rechts ist dort, wo der Daumen links ist – und umgekehrt. Man kann Hände also drehen und wenden wie man will, sie sind partout nicht deckungsgleich. «Das Phänomen nennt sich Chiralität», erklärt ETH-Forscherin Carin Lightner. «Und es tritt auch bei Molekülen auf: gleiche Atome, andere Ausrichtung.»
In der Pharmakologie kann Chiralität darüber entscheiden, ob ein Medikament nützt, wirkungslos ist oder sogar schadet. Eine Möglichkeit, um die Chiralität eines Moleküls zu bestimmen, ist die Messung der Raman Optical Activity (ROA). Diese optische Messmethode gilt als genau, aber aufwändig. Hier setzt die Innovation von Carin Lightner an.

«Die Machbarkeit meiner Idee zu belegen, also einen kommerziellen Proof of Concept zu erarbeiten, war aufwändig. Der Förderbeitrag hat mir erlaubt, ausreichend Zeit dafür zu investieren.»
Carin Lightner
Gründerin und CEO Enantios
Innovation mit grossem Potenzial
Im Rahmen ihrer Doktorarbeit an der ETH Zürich konzipierte Carin Lightner ein vollkommen neuartiges Setup für die ROA-Messung. Ursprünglich rechnete sie mit sechs Wochen. Daraus sind zwei Jahre geworden. «Der Durchbruch gelang dank der Zusammenarbeit mit Forschenden aus der Solarastronomie. Sie hatten eine Kamera entwickelt, die sich perfekt für die Methode eignet», erklärt Carin Lightner.
Die Anwendung der ROA-Methode ist dadurch wesentlich einfacher und schneller: Es braucht kein umfassendes Fachwissen mehr, um die Anlage zu bedienen. Carin Lightners innovatives Setup weckte schon bald das Interesse anderer Forscherinnen und Forscher. «Wenn Leute, die jeden Tag mit Spitzentechnologie konfrontiert sind, sich so richtig für etwas begeistern, weiss man: Hier bin ich einer Innovation mit grossem Potenzial auf der Spur.»

Abstimmung auf Marktbedürfnisse – dank BRIDGE
Mit ihrer Idee hat sich Carin Lightner 2023 für einen BRIDGE-Förderbeitrag beworben – rückblickend ein entscheidender Schritt. «Die Machbarkeit meiner Idee zu belegen, also einen kommerziellen Proof of Concept zu erarbeiten, war aufwändig. Der BRIDGE-Förderbeitrag von Innosuisse und dem SNF hat mir erlaubt, ausreichend Zeit dafür zu investieren.»
Anstatt ihre Methode an einer Fülle mehr oder weniger zufälliger Moleküle zu testen, ist sie schon in dieser frühen Phase auf mögliche Kundinnen und Kunden aus der Pharmakologie zugegangen. «Ich habe sie gebeten, mir ihre Moleküle zur Analyse zur Verfügung zu stellen.» Ein aufwändiges Vorgehen – aber zentral, um die Technologie auf die Bedürfnisse der Industrie abzustimmen. «Ich stand im direkten Austausch und konnte fragen: Liefere ich euch die richtigen Informationen? Stimmt die Qualität der Daten?»
«BRIDGE ist genau das: eine Brücke zwischen Forschung und Unternehmertum.»
Der Weg vom Labor zum Start-up ist für Gründerinnen und Gründer herausfordernd. Viele Ideen scheitern, bevor sie richtig Fahrt aufnehmen. «Darum war BRIDGE für mich so wichtig, denn es ist genau das: eine Brücke zwischen Forschung und Unternehmertum», sagt Carin Lightner. «Der Förderbeitrag hat unser Überleben im ersten Jahr gesichert. Ohne BRIDGE wäre es schwierig geworden – vielleicht sogar unmöglich.»
BRIDGE
Gemeinsam finanzieren Innosuisse und der Schweizerische Nationalfonds (SNF) das Förderprogramm BRIDGE. Damit sollen Forschende ihre Ergebnisse rasch in Produkte oder Dienstleistungen umwandeln. BRIDGE umfasst zwei Angebote: Proof of Concept richtet sich an junge Einzelforschende, während Discovery erfahrene Forschende in kleinen Konsortien anspricht.
Wachsen und neue Märkte erschliessen
2024 hat Carin Lightner das Start-up Enantios gegründet – und mit der jungen Firma nicht nur ein Innosuisse-Innovationsprojekt mit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) gestartet, sondern in einer ersten Finanzierungsrunde auch schon über 1,8 Millionen Franken Wachstumskapital erhalten. Enantios produziert ein einfach zu bedienendes ROA-Messgerät, bietet Messungen aber auch als Service an. Gerade der Service-Bereich sei wichtig, um in der eher konservativen Pharmabranche Fuss zu fassen: «Viele Labors wollen nicht gleich ein neues Gerät anschaffen, sondern sich erst von der Methode überzeugen», erklärt sie.
Kundinnen und Kunden gewinnen, Wachsen und neue Märkte erschliessen: Das sind die nächsten entscheidenden Schritte für Enantios. Die primäre Zielgruppe sind Unternehmen und Abteilungen, die in der Entwicklung neuer Medikamente tätig sind. Mit einem Auge schielt Carin Lightner aber auch auf den Bereich Produktion: «Denn in der Phase der Medikamentenentwicklung wird in der Regel auch schon entschieden, wie die spätere Qualitätskontrolle in der Produktion sichergestellt werden soll. Auch dafür bietet sich unsere Methode an.»
Unterstützung durch Innosuisse
- BRIDGE Proof of Concept
- Initial und Core Coaching
- Innovationsprojekt mit der ZHAW