Themenbeitrag
Wachstum beschleunigen
Innovation – eine Herausforderung für KMU

«Innovationsprozesse sind komplexer geworden. KMU müssen immer mehr leisten, um ein Produkt marktfähig zu machen.»
Franz Barjak
Franz Barjak ist Professor für Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Hochschule für Wirtschaft der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Er studierte Geografie an der Technischen Universität München und der Ruhr-Universität Bochum. Franz Barjak hat zahlreiche Forschungsprojekte in den Bereichen Innovationsforschung und Technologietransfer geleitet.
Seit 14 Jahren führt die Schweiz das Ranking der innovationsstärksten Länder der Welt an. Angetrieben wird die hohe Innovationskraft in erster Linie von Hochschulen und Konzernen. KMU hingegen tun sich mit dem Thema Innovation zunehmend schwer.
«Der Anteil der Schweizer Unternehmen, die selbst Forschung und Entwicklung betreiben, hat seit dem Jahr 2000 markant abgenommen», weiss Franz Barjak, Professor für Empirische Wirtschafts- und Sozialforschung an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW). Forschung und Entwicklung müssen rentieren, doch das ist bei KMU immer seltener der Fall: «Oft ist es günstiger, Know-how und Technologien einzukaufen als selbst eine Innovation zu entwickeln.»
Fünf Trends prägen die Innovationsbedingungen
Der Hauptgrund für die schwindende Innovationskraft ist die wachsende Komplexität der Innovationstätigkeit: «Innovationsprozesse sind komplexer geworden. KMU müssen immer mehr leisten, um ein Produkt marktfähig zu machen», fasst Franz Barjak zusammen. Der Wirtschafts- und Sozialforscher beobachtet über alle Branchen hinweg eine strukturelle Veränderung der Innovationsbedingungen. In Gesprächsrunden mit Schweizer Führungskräften zeigten sich fünf Trends, die KMU bei Innovationsprozessen vor Herausforderungen stellen.
Trend 1: Die Kundschaft steht im Mittelpunkt
Personalisierte Produkte und Dienstleistungen gewinnen an Bedeutung. «Die Fähigkeit, massgeschneiderte Lösungen für die Kundenbedürfnisse anzubieten, wird wichtiger», sagt Franz Barjak. Sowohl Konsumentinnen und Konsumenten als auch Firmenkunden stellen heute hohe Ansprüche – und sie finden im Zeitalter des E-Commerce auch leichter Alternativen. Dabei setzen sich Unternehmen durch, die Kundendaten intelligent für Innovationen nutzen.
Trend 2: Digitalisierung von Produkten und Dienstleistungen
Die Kundenzentrierung ist stark von der Digitalisierung und Themen wie Big Data getrieben. Gleichzeitig revolutioniert das Internet of Things (IoT) die Prozesse in der Industrie und im Logistiksektor. Durch die intelligente Analyse der Datenströme können Unternehmen beispielsweise die Produktionsplanung oder die Wartung optimieren. «Dies bedingt jedoch digitale Kompetenzen – und hier spüren KMU den Fachkräftemangel besonders stark», stellt Franz Barjak fest.
«Bei digitalen Kompetenzen spüren KMU den Fachkräftemangel besonders stark.»
Trend 3: Integration von Nachhaltigkeitsanforderungen
Nachhaltigkeit wird immer strenger reguliert und die ökologischen Anforderungen an Produkte nehmen zu. Bei Innovationsprozessen rücken damit die Reduktion von CO2-Emissionen, die Verlängerung der Lebenszyklen und das Recycling von Materialien in den Vordergrund. Eine doppelte Herausforderung, wie Franz Barjak erklärt: «Neben den Nachhaltigkeitsanforderungen an die Produktion in der Schweiz gilt es auch, den Standards auf den Zielmärkten im In- und Ausland gerecht zu werden.»
Trend 4: Zunehmende regulatorische Vorgaben
Die Regulierung beeinflusst Innovationsprozesse nicht nur mit Blick auf die Nachhaltigkeit. KMU müssen sich vermehrt auch mit Sicherheits- und Vertraulichkeitsfragen auseinandersetzen, beispielsweise in der Lebensmittelindustrie und in der Medizintechnik. «Ob sich eine Innovation umsetzen lässt, ist somit nicht nur eine technologische oder eine wirtschaftliche, sondern oft auch eine regulatorische Frage», sagt Franz Barjak.
Trend 5: Anspruchsvolleres Wettbewerbsumfeld
Sektoren wie der Präzisionsmaschinenbau und die Elektronikindustrie waren lange eine Domäne von Schweizer KMU. Der Technologievorsprung in diesen Bereichen schmilzt jedoch zusehends dahin: «Asiatische Unternehmen, aber auch US-Tech-Konzerne bedrohen die Vormachtstellung europäischer Firmen zusehends», beobachtet Franz Barjak. Damit stehen Schweizer Firmen vor der Herausforderung, wie sie sich über neue Innovationen – beispielsweise im Bereich Service – von der oft günstigeren Konkurrenz abgrenzen können.
«Querschnittstechnologien wie künstliche Intelligenz können KMU nicht im Alleingang integrieren.»
Fazit: Wissenstransfer gewinnt an Bedeutung
Die Anpassung an die veränderten Rahmenbedingungen ist für die Schweizer Volkswirtschaft erfolgsentscheidend: «Ohne Innovation kein Wachstum», betont Franz Barjak. «Zum einen braucht es Prozessinnovationen, um die Rentabilität der Geschäftsmodelle sicherzustellen. Zum anderen sind Produktinnovationen notwendig, damit KMU die im internationalen Vergleich hohen Schweizer Löhne finanzieren können.»
Dabei ist eine neue Herangehensweise an Innovationsprozesse gefragt: «Die Planbarkeit nimmt ab und deshalb gewinnt Agilität an Bedeutung», stellt Franz Barjak fest. Neben flexibleren Prozessen braucht es interdisziplinäre Ansätze, denn Innovation bedeutet heute vor allem auch Kollaboration: «Querschnittstechnologien wie künstliche Intelligenz können KMU nicht im Alleingang integrieren», ist Barjak überzeugt. Der Wissenstransfer zwischen Forschung und Wirtschaft wird dadurch noch wichtiger – und damit auch die Innovationsförderung für KMU.
Quelle:
Studie für das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI): Mastering multiple complexities - a rising challenge for Swiss innovation models